Kinder & Grenzen

Die Aussage „Kinder brauchen Grenzen“ ist eine These, die so wie sie steht keinen Halt hat. Immer dann, wenn ein Kind etwas tut, das eine andere Person nicht möchte, wird eine Grenze überschritten. Jedes Kind legt diese Grenzen für sich fest. Diese werden dann entweder verbal ausgedrückt, wobei das natürlich auch schreien oder weinen meint, oder sie werden durch eine physische Aktion kommuniziert. Das Kind entzieht sich der Situation oder verteidigt sich körperlich. Diese Reaktionen sind oft viel mehr instinktiv als sorgfältig geplant, denn sie verleihen auch einer Ratlosigkeit angesichts dieser Grenzüberschreitung Ausdruck. „Ich weiß nicht weiter, aber ich muss jetzt etwas gegen diese Situation tun.“

Dem Kind ist aber noch nicht geholfen, weil es dieser Grenze Ausdruck verleiht, wenn es trotzdem zur Überschreitung jener Grenze kommt. Daraus ergibt sich, dass auch die andere Partei diese Grenze erkennen und anerkennen muss. Kinder brauchen also Grenzen, weil sie sonst die Grenzen anderer überschreiten können. Vielleicht tun sie es nicht, das Bewusstsein jedoch, dass es im Fall der Fälle eben diese Grenzen gibt, ist wichtig.

Grenzen müssen also kommuniziert und geachtet werden. Dafür ist es wichtig, dass Kinder ihre Grenzen frei kennenlernen und festlegen können. Grenzen entwickeln sich. Alte verschwinden, neue kommen hinzu. Manche Grenzen, die andere haben, gelten für uns selbst nicht und umgekehrt. Bloß, weil ich heute einer Sache zustimme, heißt das nicht, dass ich das morgen immer noch tue.

Es geht also nicht darum welche Grenzen Kinder brauchen, sondern welche Grenzen ein Kind für sich braucht. Es entscheidet selbst, welche das sind, sofern es dazu in der Lage ist. Niemand sonst. Manchmal ist es dennoch notwendig, dass die Grenzen von Kindern von anderen Personen durchgesetzt werden, weil sie dazu (noch) nicht selbst in der Lage sind oder weil sie eben die Grenzen von anderen überschreiten. Ob aus Versehen oder mit Absicht spielt da zunächst keine Rolle. Als dritte Person müssen natürlich auch die Grenzen der Beteiligten geachtet werden.

Die Frage, ob Kinder nun Grenzen brauchen, stellt sich nicht. Die Grenzen existieren und es liegt an uns, sie zu achten, auch dann wenn sie für uns keiner offensichtlichen Logik folgen. Kinder lernen, Grenzen zu erkennen, zu kommunizieren und zu wahren. Wir müssen ihnen diese Möglichkeit eröffnen, es ihnen ermöglichen. Dafür brauchen sie Raum und Zeit.

Der Einfluss des sozialen Umfelds spielt auch hier eine große Rolle. So ist es ebenso wichtig, die eignen Grenzen zu erkennen, zu kommunizieren, zu achten. Gerade die Welt der Erwachsenen kann hier tatsächlich auch einiges von der jüngeren Bevölkerung lernen. Zu sagen „Es reicht, ich mag das nicht mehr.“ kann uns Türen öffnen, die wir nicht mehr gesehen haben. Uns aus destruktiven Situationen befreien oder zumindest für einen solchen Schritt die Grundpfeiler legen. Respekt gegenüber anderen ist ohne Respekt vor einem selbst schwer vermittelbar.

Im übrigen kann im Text „Kind“ mühelos mit „Mensch“ ersetzt werden, denn Konsens geht alle etwas an, nicht nur Kinder. „Nein heißt Nein“ wird entsprechend zu einer universellen Regel, zum Prinzip für Alle. Alle Menschen.